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Ver-rücken
vom Kritzeln, Formate verlassen und
der Kostbarkeit des Augenblicks
Vignetten aus anderen Wahrnehmungswelten
Christine Vogt
Eine dünne
Membran trennt das Alltagsbewusstsein vom Unbewussten, daher
kann der Balanceakt zwischen gestaltender Kraft und zerbrechendem
Ich in der Entgrenzung zur Gratwanderung werden. Das Fragen
nach der Norm, den Übergängen, der möglichen anderen Ordnung,
wie sie im Kritzeln oder im Tanzen sich alltäglich äußert,
wird zu überraschenden An-ordnungen im Umordnen und Ver-rücken.
Vortrag mit performativem Element.
Vortrag für Pfingstsymposion in München (2.6.2001)
Poet (13)*
„Da waren sie alle an einem Ort beisammen. Und plötzlich
entstand vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein gewaltiger
Wind daherfährt, und erfüllte das ganze Haus worin
sie saßen.
Und es erschienen ihnen Zungen, die sich zerteilten, wie von
Feuer, und es setzte sich auf jeden unter ihnen. Und sie wurden
alle mit dem Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in
anderen Zungen zu reden, wie der Geist ihnen auszusprechen
gab.
Als aber dieses Getöse sich erhob, lief die Menge zusammen,
und sie wurde verwirrt; denn jeder hörte sie in seiner
eigenen Sprache reden, jeder in der Sprache, in der er geboren
war.“
(Apostelgeschichte 2, Vers 2)
Schafe (2)
Der Begriff der Schöpfungslust lässt mich stolpern,
denn die Schöpfung ist einem Gott oder zumindest gottähnlichen
Wesen vorbehalten, während die Lust doch einigermaßen
menschlich ist. Andererseits impliziert Schöpfungslust
den Gedanken, dass die Schöpfung, so wie sie ist, stümperhaft
und unvollkommen sei, dass wir uns also an ihrer Vollendung
betätigen sollen. Na bitte.
Wir wissen mittlerweile, dass wir uns unsere Wirklichkeit
immer wieder aufs Neue selbst schaffen, eigentlich ständig
in schöpferischem Prozess begriffen sind, indem unsere
Retina und unser Gehirn die uns umgebenden Schwingungen übersetzen,
aber wo und wann sind wir bewusst Schöpfende und noch
dazu mit Lust Schöpfende?
Angenehm, wie sich der Begriff der allzusehr zu Auswucherung
tendierenden „Kreativität“ hinter die Schöpfungslust
duckt.
Jedoch, es gibt sie, die Lust am Schöpfen, an der Kreation
jenseits von dem, was Modezeitschriften suggerieren, während
andererseits jeder, der sich professionell mit ästhetischen
oder künstlerischen Prozessen auseinander setzt, viel
eher die Wehklage angesichts des täglich aufklaffenden
Abgrundes anzustimmen geneigt ist als vor seinem stümperhaften
Klecks auf der Leinwand oder in seinem täglich aufs Neue
untrainierten, ächzenden Körper auch nur ein Quäntchen
Lust zu verspüren, „weil jeder schöpferische
Vorgang sehr stark mit Grundproblemen des Ich-Ideals und mit
den Schwierigkeiten des narzisstischen Gleichgewichtes verwoben
ist. Kunstproduktion ermöglicht das Erfahren der eigenen
Abgründe, sie bedeutet eine Konfrontation eher mit dem
Scheitern als mit dem Gelingen. Sie geht mit Erkenntnisgewinn
über das betroffene Subjekt einher und ist die radikalste
Formfindung menschlicher Subjektivität - oder sie bleibt
nur ein möglicher Vorgang des Gestaltens, Bastelns ohne
Werkcharakter, Intensität und Entschiedenheit.“
(F. Jadi, Maler, Analytiker und Professor für Kunsttheorie)
Einfall: Was wäre, wenn all jene Architekten, welche
sich am Potsdamer Platz in viel Schöpfungslust ergangen
haben, losgelassen würden, ihrer Schöpfungslust
keine Grenzen gesetzt wären? Wehe dann den unverbauten
Plätzen, letzte Refugien einer urbanen Gesellschaft.
Und wenn alle Zadeks, Fassbinders und Kresniks ihre Obsessionen
nicht in Werke (ver)bannen würden? Wehe dann den Frauen
... Manch einer braucht wohl die Begrenzung der Schöpfungslust,
um nicht kriminell zu werden.
Wellen (24)
Wir sind an diesem Ort beisammen, um uns einem hedonistischen
Gedanken, nämlich der Lust am Schöpferischen, zuzuwenden.
Wie kommt es zur Lust? Oder anders gefragt, welcher Mangel
ist Voraussetzung für jene Lust, von der im Flyer zu
dieser Veranstaltung gefragt wird, ob sie möglicherweise
der Sehnsucht nach etwas anderem entspringe und uns deshalb
Gewohntes verlassen ließe, um dann nach einem vagabundierenden
Suchen Neues zu schaffen. Wie auch immer ...
Ein Stück Innenwelt scheint verlorengegangen zu sein,
der man sich schöpfend, gestaltend zu nähern versucht.
Um den Lauf der Zeit anzuhalten oder um eine Gegenwelt zu
erschaffen, einen anderen Topos wirklich werden zu lassen?
Rülpsquelle (18)
Einfall: In der nachnapoleonischen Zeit, am Anfang des 19.
Jhs., als - nehmen wir an - kein Geld und wenig Lust vorhanden
war, weiterhin in exorbitante Heere zu investieren, entstanden
rund um Potsdam die bezauberndsten Schlösser und Gärten,
von mir in Vorbereitung dieses Anlasses ausgiebig er-radelt.
Inbegriff der Sehnsucht und des Genusses, des Romantischen,
welches ursprünglich romanhaft, fabulös bedeutete
und ganz im Gegensatz stand zum Verstandesmäßigen,
Rationalen der Aufklärung, sich im Feld des Gefühlvollen
und Ahnungsreichen aufhielt. Alle Pracht nur Reaktion auf
die durch Rationalismus geprägte Epoche der Aufklärung,
oder formuliert sich hier ein ursprüngliches Prinzip,
nimmt Gestalt an ...?
Was uns Potsdam und vergleichbare Paradiesgärten und
Anlagen zeigen: Es ist da eine innere Verbindung zwischen
der sinnlichen Pracht und der Ruine. Schöpfung aus dem
Ruinösen, aus dem Nichts. Schöpfung ist ohne ein
Nichts nicht denkbar.
Einfall: Ein Blick in die Evolution veranschaulicht dies:
Zweimal wird alles Leben bis zu zehn Prozent ausgerottet,
das erste Mal um 250 Millionen Jahre vor uns durch den Einschlag
eines Meteoriten, Frucht der Katastrophe: die Evolution der
Saurier. Dann das zweite Mal: vor etwa 65 Millionen Jahren
wieder ein Asteroideneinschlag bei Mexiko, wie man heute weiß.
Frucht: das Ende aller Saurier. Überlebt hat nur ein
mausartiges Tierchen, ein Säugetierchen, aus dem alle
größeren Lebewesen kommen, auch wir Menschen. Nein,
die Vögel haben auch überlebt und einzelne Echsenarten
sowie Schildkröten. Die über 250 Flutmythen künden
von den Nullpunkten ...
Schöpfen und scheitern. Das Scheitern gar als Voraussetzung
für Schöpferisches? Schöpfung geschieht aus
dem Nichts.
Thikwà 1
Mühsam robbt sich die zum Gehen unfähige Sophie
über eine Zehnmeterdistanz auf der Bühne des Maxim
Gorki Theaters. Fünf lange, stille Minuten dauert es,
bis die Kriechende, bisweilen laut stöhnend, sich ab
und an des sie verfolgenden Scheinwerfers versichernd, das
Sofa erreicht und die dort lagernde, zusammengekrümmte
Gestalt zum Leben erweckt.
Sophie hat nur einen gut funktionsfähigen Arm. Alle anderen
Extremitäten sind gelähmt. Es ist ein Akt äußerster
Anstrengung, wenn sie ihren kleinen, gekrümmten Körper
nach vorne zieht, den schweren Kopf nur wenige Zentimeter
über dem Boden empor gestreckt oder erschöpft ihn
senkend.
Die Gestalt am anderen Ende der Bühne rollt sich aus
ihrer Decke, springt auf und beginnt eine klamaukige Unterhaltungsshow.
Prolog zum Stück „Im Stehen sitzt es sich besser“
(Theater Thikwà Berlin, 1990)
Scheitern und schöpfen
Einfall: Die vor Wildwuchs und floraler Vielfalt überbordenden
Gärten in der früheren DDR: gescheiterte politische
Utopie, darin aber Datschen, welche zu wahren Heterotopien
gediehen und nicht nur den Gartenzwergen Schutzraum und zu
Wirklichkeit gewordene Utopien waren. Gegenwelten zu rigiden
politischen Systemen.
Einfall: In Armenien, am Rande der Hauptstadt Erewan, hatte
ich im vergangenen Sommer die Gelegenheit, einem weiteren
Geschöpf aus jenen sozialistischen Zeiten zu begegnen.
Ein weit über 70-jähriger Mann hatte sich am Abhang
sein Haus in den Fels gehauen. Aus eigenem Antrieb und ohne
Zuhilfenahme von maschinellem Werkzeug. Seit über 25
Jahren ist er dabei, sein Werk zu vollenden. Ein wunderbarer
Dilettant, im Umkreis als Felsenmann und Künstler bekannt.
Oder: Simon Rodia in Wattstower, welcher sich in den 20er-Jahren
in einem Niemandsland außerhalb von L. A. sein Haus
gänzlich aus Glasflaschen und Geschirr baute. Bizarres
Paradies im Niemandsland. Grund der eigenwilligen Unternehmung:
Der Glasbauarchitekt, ein gebürtiger Spanier, war arm,
in den USA der 20er-Jahre kein Einzelfall, und holte sich
seine Baustoffe dort, wo sie anderenorts weggeschmissen wurden.
Schöpfung trotz Mangel?
Steinmetz (17)
Der Trotz, die rigiden Gegebenheiten nicht einfach hinzunehmen,
machte sie erfinderisch. Behausungen am Abhang, Abgrund, am
Rande der Stadt oder im verlassenen Niemandsland. Grenzgänger
beide. Ihnen und anderen gilt seit Jahren meine Aufmerksamkeit
und Liebe. Verrückte Spinner oder schöpferische
Geister?
Die Frage nach der Norm und deren Abweichung in ihrer Verflochtenheit
mit den Phänomenen des Schöpferischen ist alt. Das
Schöpferische ist ja oft eine Auflehnung gegen die Norm.
Entgrenzung der gewohnten Wirklichkeit, Aufreißen des
vertrauten und bekannten Horizontes, Selbstverlust mit dem
Wunsch, sich selber neu zu gewinnen, sich neu zu erschaffen
...
Eine dünne Membran nur trennt das Unbewusste vom Bewussten.
Ihre Beschaffenheit ist manches Mal ausschlaggebend für
eine Existenz auf dem Planeten der Verrückten oder auf
jenem der Normalneurotischen.
So lese ich in dem Buch von G. Benedetti, dem Schweizer Psychoanalytiker,
der sich intensiv mit psychiatrischen Aspekten des Schöpferischen
und schöpferischen Aspekten der Psychiatrie befasst, über
den kranken Dichter Torquato Tasso: „Seine Anfälle
sind so gut begreiflich, da ihre Beziehung zu Irrsinn nur die
bösartige Nachrede einflussreicher Gegner oder jener Philister
zu sein scheint, die sich nicht vorstellen können, dass
eine edle Seele imstande ist, über die Schlechtigkeit der
Menschen außer sich zu geraten. Denn Tasso war ein adeliger
Mensch, sein Verfolgungswahn nichts anderes als das ewige Leiden
des Sängers an der Disharmonie der Welt, das in der Neuzeit
nicht mehr für heilig, sondern für krank gehalten
wird. Seine große Unruhe brach aus, als er das ,Befreite
Jerusalem’ abgeschlossen und die Handschrift den Freunden
und Zensoren vorgelegt hatte. Die Kritik, die er zu hören
bekam, und die Furcht vor der Verurteilung des Werkes durch
die Inquisition brachten seine durch Arbeit erregte Seele aus
dem Gleichgewicht. Er sah sich rings von Feinden umstellt; seine
Furcht verdichtete sich zum Gedanken, er könnte sich gegen
die Religion versündigt haben.“
Ersetzen wir die Inquisitoren durch Galeristen und schlecht
gelaunte Theaterkritiker, so scheint auch im 21. Jh. die Überreaktion
der im Mittelalter geprägten Seele nicht unvernünftig
zu sein. Manch einer unter uns neigt dazu, seine schöpferischen
Impulse eher im stillen Kämmerlein auszuleben als sie etwa
durch Veröffentlichung in Form von Ausstellung, Theaterproduktion
oder eines Vortrages der potenziellen Kritik und den Abgründen
des eigenen Selbst auszusetzen. Und der Analytiker Benedetti
fährt fort: „Das schließt aber nicht aus,
dass man auf die Furcht vor der Inquisition sowohl wie ein Tasso
als auch wie ein Galilei reagieren kann: und dass eine schwere
Liebesenttäuschung sowohl eine normale Ernüchterung,
Erschütterung oder gar vorübergehende Verzweiflung
wie auch eine reaktive Psychose auslösen oder schließlich
den Anfang eine Schizophrenie markieren kann.“ Thikwà
2
Plötzlich hat Walter, der amerikanische Offizier, die
Bühne verlassen. Sein Hocker bleibt leer. Das verabredete
Stichwort, mit dem Sneewittchen abermals zum Leben erweckt
werden sollte, und zwar diesmal wegen der Hochzeit mit dem
Uniformierten, bleibt aus. Da der Beleuchter auf Tournee gleichzeitig
die Funktion des Betreuers hat, verlässt er die Beleuchterloge,
und wir übrigen Schauspieler verbleiben praktisch im
Dunkeln. Der Lichtwechsel bleibt aus. Sneewittchen pennt weiter,
und wir improvisieren. Rufen in den dunklen Zuschauerraum:
„Walter!“ ...
Eine Ewigkeit vergeht, da schreitet er von der obersten Zuschauerreihe
in Richtung Bühnenrampe hinunter. Schreitet? Nein, latscht
er, schlurft er. Sein Kostüm jetzt: Badeschlappen, offenes
Hemd, keine Mütze auf dem Kopf. Ansonsten alle Attribute
des Offiziers. Ein Offizier in flagranti - und der latscht
singend: „Wenn ich einmal reich bin ...“
Grenzgänger zwischen den Welten. Manch einer von ihnen
ist einfach allzu durchlässig für die Spannungen
und Widersprüche des Daseins, die wir normalerweise ausklammern,
verdrängen, während sie ihn scheitern lassen. „Der
Andersheit der anderen Raum zu lassen heißt immer auch,
der eigenen Andersheit zu begegnen - insbesondere wenn der
logisch-sprachorientierte Diskurs durch den präsentativ-ästhetischen
zurückgedrängt wird. Während die Verrücktheit
der Normalen (manchmal und freiwillig) auf Bühnen ausgestellt
wird, ist die Normalität der Verrückten dagegen
(fast immer und meist unfreiwillig) in Institutionen eingeschlossen.
Der eine kann wählen, der andere nicht, dies ist ein
wesentlicher Unterschied.“
(H. Seitz, Professorin für ästhetische Praxis an
der FH Potsdam)
Thikwà 3
Später, beim Bier in der Bar, hatte ich Walter gefragt,
welche Tarantel ihn während der Vorstellung gestochen
habe. Sein Blick, welcher meiner Frage folgte, signalisierte
mir, dass etwas ihn tief gekränkt haben musste. Er lasse
sich doch nicht einfach so beleidigen, meinte er, zumal nicht
als amerikanischer Offizier. Nun war ich es, die ich ihm mein
Unverständnis entgegenbrachte, jedoch war der Fall bald
aufgeklärt.
In der vordersten Zuschauerreihe saß nämlich ein
taubstummer Knabe, welcher sich während der Vorstellung
mit seiner Mutter in Gebärdensprache unterhielt. So geschah
es, dass der Junge im ersten Teil des Stückes jene von
Walter missverstandene Gebärde ausführte. Was für
den Jungen, indem er sich an die Schläfe tippte, ein
Stück Dialog mit der Mutter war, bedeutete für Walter
das Zeichen des Vogels: „Hast wohl ne Meise, wa?“,
worauf er sich gekränkt in die Künstlerloge zurückzog,
um sich dort sofort ins Bett zu legen.
Ver-rückungen. An der Spannung durch die Gegensätze
und Lebenskontraste kann das Ich zerbrechen oder aber gerade
an diesen die gestaltende Kraft entfalten. Dann gilt es, die
schmerzliche Spannkraft des eigenen Seins auszuhalten.
Kerzen (21)
„Psychopathologie und Kunst können ein unbewusstes
Mittelglied haben, das mit der Welt des Traumes verwandt zu
sein scheint. Ich denke hier an die Eigentümlichkeit
der menschlichen Träume, die durch Verdichtung und Transponierung
der Formen, durch Verabsolutierung gewisser Denkinhalte, eine
radikalisierte Wahrheit aussprechen, die niemals durch das
logische Abwägen zugänglich wäre. Das Über-Ich,
ein abstrakter Begriff, erscheint dem Träumer z. B. als
konkrete Fratze, auf dass er endlich von dessen Maßlosigkeit
erschüttert werde. Der Maler Magritte lässt die
Unmenschlichkeit, die uns zuweilen selbst in der Liebe als
eine letzte Anonymität trennt, ins Räumliche vorprellen,
als tatsächliche Maske erscheinen, woraus ein Gefühl
der unbegrenzten Einsamkeit resultiert. Gerade die Dichtung
und die Kunst konfrontieren uns mit Phänomenen, die ein
Bindeglied zwischen Krankheit und Erleben der Traumtiefe darstellen.“
(G. Benedetti)
Thikwà 4
Weil ich für einige Monate nicht in Berlin bin, schreibt
mir Anke einen Brief:
„Liebe Christine. Ich wünsche Dir weiterhin ein
würziges Leben, ein Idealherz, ein laues Machsoweiter,
ein Dirndl, Gesundheit und einen neuen Zeh. Nicht umkippen.
Viele Schritte noch laufen wollen. Kräftige Haltung,
rote Lippen, eine Kur mit Spaß, gelber Walzermusik und
Sahnetorte.“
Thikwà 5
Auf Tournee sagt Oliver zu mir: „Ick schulde dir noch
ne Mark, wa?“ Ich: „Ja, aber die schenk ich dir.“
Er: „Geil, wann krieg ich sie“?
„Der Bereich des Schöpferischen ist heute weitgehend
der psychologischen und psychoanalytischen Erforschung entrückt.
Beim Versuch, sich ihm zu nähern, hat man meistens nur
gerade das erfasst, was man als das Material des Schöpferischen
bezeichnen kann. Die Quelle bleibt verborgen.“
(G. Benedetti)
Wo ist sie, diese verborgene Quelle?
Meine Schöpfungslust nährt sich an der Begrenzung,
an der scheinbaren Unmöglichkeit. So habe ich, nach einer
von fünf Hüftoperationen an zwei Krücken gebunden,
mich nicht abhalten lassen, in einer großen Berliner
Disco zu tanzen. Indem ich alle durch die starke Einschränkung
noch möglichen Bewegungen ausprobierte, gleichsam meinen
neuen Bewegungsradius auf einem Bein erforschte, näherte
sich mir ein junger Mann mit der Bemerkung, ich würde
so gut tanzen können. Nie habe ich in allen darauf folgenden
Jahren jenen Augenblick vergessen, in dem es nicht um das
schüchtern vorgebrachte Kompliment des Tänzers ging,
sondern um das innere Erleben einer ungewohnten und für
mich neuen Bewegungsästhetik, welche sich aus der Quelle
des Verhindertseins speiste. Initialzündung für
Thikwà, welches ein paar Jahre später gegründet
wurde.
Meine Schöpfungslust entzündet sich aber auch am
existenziellen Wunsch, dem Lauf der Zeit Einhalt zu gebieten,
ein Denk-mal gegen die Mortalität zu schaffen.
Zitat aus meinem Probentagebuch 1984: „In den letzten
fünf Minuten vor dem Auftritt meine ich jeweils überzulaufen
vor Erwartung und Spannung. Ich bin voll und leer zugleich,
gebündelte Konzentration und spüre wie selten meine
Existenz. Ich bin ich, und ich bin Komatschi, die Figur. Dann
betrete ich die Bühne und nehme die vielen erwartungsvollen
Menschen wahr, denen kein Zittern in meinem Körper entgeht,
die jeden Faltenwurf meines Kostüms beobachten. Solche
Momente geben mir die Möglichkeit, durch das Hier und
Jetzt, welches ich mit dem Publikum teile, mich als unverwechselbares
Individuum zu empfinden und dem Vergehen der abendlichen Zeit
durch das Spiel Einhalt zu gebieten. Kunst hat etwas zu tun
mit der Kostbarkeit des Augenblicks.“
Thikwà 6
Ein Mann hält eine schmale Leiste senkrecht vor Nase
und Stirn. Unendlich langsam, wortlos, konzentriert, lässt
er sie an seinem Körper herabgleiten bis zwischen die
Beine. Vor einer schnöden Holzwand mit Rollen steht er.
Dahinter, nur durch ihren Schatten verraten, eine stumme,
schwarz gekleidete, das rollbare Geheimnis noch nicht schiebende
Dienerin, eine Hexe?
Ist das der wandernde Wald von Birnam oder nur eine mit einem
auf die Bühne verbannten Sisyphus? Er: ein 102 kg schwerer
Mann mit so genannter geistiger Behinderung. Ich: eine der
so genannt normalen Schauspielerinnen des Theaters Thikwà
in Berlin. Er entführt in eine endlose ewige Zeit, ich,
hinter der Wand mit Stoppuhr in der Hand, schiebe das rollbare
Gefährt nach exakt fünf Minuten in einen anderen
Winkel, signalisiere meinem Kollegen, dass die reale Zeit
abgelaufen sei.
Jedoch, was ist die reale Zeit? Nach der Vorstellung Publikumsdiskussion:
Eine Zuschauerin fragt den geistig Behinderten: „Weißt
du denn überhaupt, was du spielst am Anfang?“ In
ihrer Frage liegt unüberhörbar die vermutete Antwort.
Der linkshemisphärisch gestörte Mann kann doch nur
vom Regisseur missbraucht worden sein, hineingezwängt
in eine Rolle, die er nicht versteht. Er: „Ich bin die
Zeit, die über die Bühne rollt.“
Versuch einer Zusammenfassung:
Wir haben nach der Voraussetzung für die Lust am Schöpferischen
gefragt in der Annahme, dass nicht der Überfluss, sondern
der Mangel dafür die Triebkraft bildet. Ruine, Nullpunkt.
Nichts, Scheitern wären dann Metaphern hierfür.
Sind auch auf die Sehnsucht gekommen, Sehnsucht nach der verlorengegangenen
Innenwelt und deren Rückeroberung. Mehr noch als dies:
Zur bestehenden Welt will eine Gegenwelt erschaffen werden.
Trotz und Auflehnung, rigide Gegebenheiten nicht hinzunehmen,
machen erfinderisch, lassen ungeahnte schöpferische Kräfte
fließen. Der Felsenmann am Stadtrand von Erewan und
der Glasflaschenarchitekt aus L. A. sowie viele ihresgleichen
stehen mit ihren bizarren Behausungen dafür.
Schließlich haben wir uns der Frage nach der Norm und
deren Abweichung in ihrer Verflochtenheit mit dem Schöpferischen
zugewandt. Haben ab und zu von den Grenzgängern zwischen
den Welten gehört, wie sie im Theater Thikwà und
vergleichbaren künstlerischen Projekten mittlerweile
anerkannte Mitglieder der Gesellschaft sind, wobei das schöpferische
Tun oft einzige Überlebenschance ist. An dieser Stelle
sei betont, dass nicht jeder Behinderte ein Künstler
ist und nicht jeder Künstler im pathologischen Sinne
verrückt.
Weit auseinander liegen die verschiedenen Welten freilich
nicht von den unseren. Ver-rücken wir die Parameter unserer
eigenen Wahrnehmung um Haaresbreite, lassen uns einen Augenblick
ein in die uns aus der Tiefe des Traumes wohl vertraute Welt
mit ihrem phantastisch-bizarren Personal, ihren dem Alltagsbewusstsein
disharmonisch klingenden Tönen ... wäre mit unserem
versammelten Schöpfungspotenzial in der virtuellen Globalisierung
eine Kathedrale der jeweils eigenen Zeit zu errichten. Im
Ver-rücken freilich ächzen die alten Strukturen,
werden Grenzen hin zum Fremden überschritten und vielleicht
überraschende An-ordnungen probiert.
Poet (13)
„Da waren sie alle an einem Ort beisammen. Und plötzlich
entstand vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein gewaltiger
Wind daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, worin
sie saßen.
Und es erschienen ihnen Zungen, die sich zerteilten, wie von
Feuer, und es setzte sich auf jeden unter ihnen. Und sie wurden
alle mit dem Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in
anderen Zungen zu reden, wie der Geist ihnen auszusprechen
gab.
Als aber dieses Getöse sich erhob, lief die Menge zusammen,
und sie wurde verwirrt; denn jeder hörte sie in seiner
eigenen Sprache reden, jeder in der Sprache in der er geboren
war.“
Tauben (25)
*Einspielungen von Geräuschen und Klängen, die Christine
Vogt auf einer Reise von der Mongolei nach Armenien aufgezeichnet
hat
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